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Artikel zum Thema "junge Welt Texten"


Wovon sollen wir träumen

Beitrag von Rigoletti am 04.07.2011 13:32:17

Völkerball im Strafraum – Nach der Scham kommt die Wut

Australien gegen Äquatorialguinea. Die Matildas spielten gegen die afrikanische Unbekannte. Plauderte die Kommentatorin. Der Matilda-Trainer sei ein Frauenversteher und werde von seinen Spielerinnen gemocht. Er habe seine Mannschaft um frühe Ballannahme gebeten, viel Ballbesitz und kluge Bälle in die Spitze. Um ein frühes Tor hatte er nicht gebeten, aber nach einem klugen Ball in die Spitze und einem gewaltigen Torfraufehler fiel es. 1:0 für Australien.

Die Fehler dominierten ohnehin schon das Spiel, als der Ball vom äquatorialguinesischen Torpfosten abprallte und von einer Abwehrspielerin aufgefangen wurde. Und dann? Kein Elfmeter sondern Abstoß. Das war ein Schock. Welcher Fehler war der gröbere, den Ball auf dem Spielfeld aufzufangen (ja, sind wir denn beim Völkerball?) oder dieses Auffangen nicht als Handspiel zu erkennen? Ich schämte mich sehr.

Liebe Fußballspielerinnen, liebe Schiedsrichterinnen, liebe Fußballfreundinnen, wollen wir nicht alle jetzt, wo doch gerade zufällig Frauen-Fußball-WM im eigenen Land ist, gemeinsam mit Steffi Jones die fortschreitende Professionalisierung des Frauenfußballs erkennen können? Aber mit Völkerball im Strafraum wird das nichts! Ich wurde wütend. Auf die Spielerin, die Schiri-in und die Schmähschriften, die über dem Frauenfußball niedergehen werden. Und schlagartig war klar, welcher Ausschnitt der Frauen-WM 2011 die meisten YouTube-Klicks bekommen wird.

Das ganze Frauenfußballfest erschien so banal wie der ZDF-Titelsong Wovon sollen wir träumen – so wie wir sind, so wie wir sind. Ja, wie sind wir denn? Und wo überhaupt? Und wovon sollen wir träumen? Dass der Fußballrasen eine Blumenwiese ist, wo wir uns beim Kicken gegenseitig Blumenkränze ins Haar flechten?

Ich schaltete um und landete beim SWR in der wilden Heimat. Die Heuschrecke setzt auf ihre Sprungkraft, um dem Feind zu entkommen. Erfahre ich. Und: die Wiese ist vom Menschen gemachte Natur. Sie wird gemäht und das frische Grün beginnt wieder zu wachsen. Ein Zyklus.

Apropos. Ich gehe noch weiter weg vom Fußball und komme zu den eigentlichen Frauen-Themen. Der Zyklus. Menstruieren die Frauen einer Mannschaft eigentlich alle gleichzeitig? Frauen, die viel Zeit miteinander verbringen, gleichen ihren Monats-Zyklus nämlich aneinander an. Und welche Spielerin hat Hormon-Priorität? Die dominanteste Spielerin vielleicht, wie zum Beispiel Marta, die mit ihrem schwarzen Flatterzopf über den Platz irrwischt und unwirsch ihre Mitspielerinnen dirigiert? Aber die drei Wochen Vorbereitungszeit, die die Brasilianerinnen vor der WM hatten, reichten sicher nicht aus, um die Spielerinnen hormonell zu takten.

Brasilien – Norwegen. Marta und ihr Mitspielerinnen, die wahrscheinlich nicht gleichzeitig menstruieren, waren immer schneller als die plump gespielten norwegischen Pässe, konnten diese direkt in Empfang nehmen und zum Beispiel ins Tor schießen. Die Norwegerinnen setzten auf den Rückpass, wohl aus Angst, die Zweikämpfe im Mittelfeld zu verlieren. Die Brasilianerinnen gewannen aber alle Laufduelle. Brasilianerin gegen Norwegerin und Brasilianerin gegen Rückpass. Die Brasilianerinnen konnten Bälle annehmen und abspielen. Ein wenig hat mich das versöhnt. Das 1:0 durch Marta war zwar wieder ein Fehler, denn Marta setzte sich mit Strümerinnenfoul durch, ohne Pfiff und ohne Freistoß. Aber die beiden anderen Tore für Brasilien gingen in Ordnung. 3:0 für Brasilien. Das andere Spiel Australien gegen Äquatorialguinea endete übrigens 3:2 für Australien.

geschrieben für die

Wunschsiege in Gruppe D

Beitrag von Rigoletti am 30.06.2011 12:14:37

Knappe Wunschsiege in Augsburg und Gladbach

Gruppe D wie Da Mbabi mit vollem Namen Celia Okoyino da Mbabi, der Name der Spielerin im deutschen Team, den wir alle erst üben müssen, ehe er uns fließend von den Lippen geht. Haben wir doch erst Lira Bajramaj richtig aussprechen gelernt. Aber es geht jetzt nicht ums deutsche Team sondern um die Norwegerinnen, die gegen die Äquatorialguineanesinnen gespielt haben, und um die Brasilianerinnen, die gegen die Australierinnen angetreten sind. Bei beiden Spielen dominierte der Wunsch der Kommentatoren, dass die Favoritinnen ihrer Favoritenrolle gerecht werden. Die Norwegerinnen (klarer Favorit!) und die Brasilianerinnen um Super-Weltklasse-Fußballerin Marta (natürlich).

Aus Augsburg, wo Norwegen gegen Äquatorialguinea (den WM-Neuling!) spielte, wurden wir von der Kommentatorin wiederholt darauf hingewiesen, dass die Mannschaft aus Afrika mit schlechter Presse zu kämpfen gehabt habe. Es seien Männer im Team, genau genommen wegen der beiden Schwestern, die im Verdacht stünden Brüder zu sein, die aber verletzungsbedingt gar nicht mit angereist sind. Einwände gäbe es auch wegen angeblich unangemessener Einbürgerungen einiger Südamerikanerinnen, deren Großeltern aber, vom Trainer verbürgt, aus der einheimischen Gegend stammten. Ich saß mit einer Freundin in der Hasenheide um mein mobiles Laptopfernsehgerät herum. Schon bei der Hymne schauten wir uns die Spielerinnen genau an. Afrika? Südamerika? Die Spielerinnen aus Äquatorialguinea sehen jedenfalls alle aus wie Frauen, ihr Trainer ist eindeutig ein Mann. Waren wir uns einig. Wir bestätigten uns auch gegenseitig, wie einfach sich feststellen ließe, wer welchem Geschlecht angehört. Aber die Frage, ob Geschlechtstests diskriminierend seien, konnten wir nicht abschießend beantworten. Währenddessen scheiterten die Norwegerinnen am Pfosten und die Äquatorialguineanesinnen an der norwegischen Torfrau. Es dominierten die Damen aus Afrika trotz des viel „erfahreneren Teams aus Norwegen“. Scheinheilig gönnte die Kommentatorin „den Afrikanerinnen die Chancen bei ihrer ersten WM-Teilnahme, gerade wegen der schlechten Presse im Vorfeld“. Ich gönnte den Norwegerinnen das 1:0 nicht.

Ebenso wenig gönnte ich den Brasilianerinnen den 1:0 Sieg. Mit „jetzt kommt Glanz und Samba in Hütte“ auf dem Bökelberg wollte uns der Kommentartor aus Mönchengladbach auf den Klassenunterschied zwischen Brasilien und Australien einstimmen. Aber die Brasilianerinnen wirkten verwirrt und kickten verwirrt lange Bälle ins Nichts oder direkt zur Gegnerin. Vielleicht weil die Australierinnen im sonst so brasilianischen Gelb spielten? Oder weil die Sambatanzerei beim Eintanzen auf dem Platz, in der Kabine oder im Spielerinnentunnel die Mädels ins geistige wie fußballerische Nirwana führte? Dort war lange Zeit auch der Kommentator, der sich immer wieder daran erfreute, dass die Australierinnen auch die Mathildas heißen, nicht aber daran, dass sie eindeutig besser waren. Erst zur Halbzeitpause hin musste ihm eine/r geflüstert haben, dass sich das Spiel entgegen seiner imaginierten Dominanz der Brasilianerinnen um Super-Weltklasse-Fußballerin Marta entwickelt hatte, weshalb er sie mit Besserungswünschen in die Pause schickte und direkt nach der Pause ein Lächeln (des Sieges?) aufs Martas Gesicht zu erkennen glaubte. So kam es dann auch. Er versuchte die Australierinnen, die auch die Mathildas genannt werden, zu trösten, sie sollten sich nicht ärgern über die knappe Niederlage. Aber sind es nicht die knappen Niederlagen, die am meisten ärgern?

geschrieben für die

Die acht Hände einer ähm einer Krake

Beitrag von Rigoletti am 12.07.2010 10:05:41

Ich möchte mein Leben nicht in die Hände einer ähm einer Krake legen. So Kahn auf Frau Müller-Hohensteins Frage, ob Krakens Paul Vorhersagen ernst zu nehmen seien. Die Holländer hatten derweil Pauls Bruder Otto auf den Grill gelegt. Schmarrn sagte Kahn, nee Tintenfisch. Gott hab ihn selig. Wer ist Gott? Maradona.

Orakelkrake Paul hat wieder Recht behalten, sein Marktwert steigt. Er kriegt jetzt viele neue Jobs, die uns weitere wichtige Fragen beantworten werden wie: Wird Jogi Löw den Bundesverdienstorden annehmen?

Ein WM-Finale ist immer ein Spektakel. Schon vor dem Anpfiff ein Riesenbrimborium. Ein lächelnder Cannavaro brachte einen Koffer, einen fragwürdigen Koffer, wie Kahn urteilte, stellte diesen auf einem Podest ab, öffnete den Kofferdeckel und heraus flogen keine weißen Tauben, sondern, was wir in diesem Moment schon ahnten, aus dem Pokalkoffer kam der Kofferpokal aus 18karätigem Gold. Der Pokal wurde zu einem weiteren Podest getragen, von wo sich Cannavaro vom Pokal mit Abschiedskuss trennte. Dann Alarm, ein Zuschauer rannte auf den Pokal zu. Doch ehe der Pokal zusammen mit dem Mann hätte verschwinden können, wurde der Pokal wieder verpackt, Koffer und Zuschauer wurden hinausgetragen und getrennt von einander im Innern der Soccercity aufbewahrt.

Zweieinhalb Stunden später tauchte der Pokal wieder auf. Er stand wieder auf einem Podest neben einer Reihe Prominenter aus Königlichen, Politischen, Sportlichen und Offiziellen.

Das Ottokrakenopfer hatte Holland nicht geholfen. Sechs Spiele sechs Siege verloren gegen die, die gegen die Schweiz verloren haben. Oder wie Maradona sagen würde, wir haben gegen die verloren, die die besiegt haben, die gegen Holland gewonnen haben. Genau. Ergebnisfußball verlor gegen Erlebnisfußball. Das adrette Prinzenpaar gegen die galante Königin. Nike gegen Adidas. Und kein Holländer, der am Schluss noch auf der Ersatzbank saß, hat eine gelbe Karte bekommen.

Béla Réthy hatte die gelben Karten gezählt, versetzungsgefährdende Halbzeitzeugnisse ausgestellt, einen Zermürbungskampf gesehen und die Verlängerung gerochen. In dieser Verlängerung schoss Iniesta das Befreiungstor. Kurz nach der achten gelben Karte für Holland wegen Fouls an Iniesta, immer wieder Iniesta, der mittlere Läufer der Spanier.

Die Spanier siegten verdient und die Holländer verloren schlecht. Sie redeten auf den Schiedsrichter ein, als könnte eine WM umentschieden werden.

Der Pokal musste noch auf seinem Podest stehen bleiben, bis die Medaillen um die Hälse der Schiedsrichter, der Holländer und Spanier gehängt worden waren. Dann war es soweit, Casillas durfte den Pokal nach alter Tradition hochhalten und an seine Mitspieler weiterreichen. Die Party begann, Spanien ist zum ersten Mal Weltmeister geworden und der Pokal verschwand wieder auf dem Platz zwischen den Pressefotografen. Die Fernsehkameras zeigten uns einen Haufen Fotokameras, die sich gegenseitig abfotografierten. Sie zeigten uns aber auch einen Puyol mit Katalanenflagge. Einheit und Frieden für Spanien.

Dieser Text erscheint am 13. Juli 2010

Vor dem Spiel ist nicht nach dem Spiel

Beitrag von Rigoletti am 08.07.2010 11:17:24

Schreib ich für Spanien und bin ich für Deutschland, kann ich nur gewinnen. Vor mir sitzt ein Huth-T-Shirt. Huuuuuuuth in zweimal schwarz, zweimal rot, zweimal gelb mit 42 Us. Was macht eigentlich Robert Huth?

Wir erfahren, dass Günter Netzer gerade zum letzten Mal ein Spiel der Deutschen anmoderiert und wir sehen den Ausschnitt eines Fußballspiels mit Netzer gegen Del Bosque. Gleich spielt Löw gegen Del Bosque. Und Löw spielt nach dem Achtelfinale um den Einzug ins achte Finale. Ob Huth Huth Huth dabei helfen könnte?

Zu Beginn des Spiels herrscht noch Unruhe, da werden SMSe verschickt, Zeugnisse besprochen, Grillfleisch verspeist und in Durban rennt ein Zuschauer auf den Platz. In der 8. Minute krieg ich Besuch von zwei mir gut bekannten Damen aus Stuttgart, denen ich berichte, dass Villa gerade aufs deutsche Tor geschossen hat, aber dort stünde ja ein Neuer. Ich behaupte auch, dass die Spanier besser spielen als die Deutschen und der Kommentator bestärkt mich, die Spanier seien gewohnt, das Mittelfeld zu beherrschen. Also beherrschen sie es auch.

Immer wieder fällt das Wort Picke, gemeint sind der Abwehrspieler Gerard Piqué, die Schusstechnik der mit der Pike geschossenen, und das, was man von der Pike auf in Barcelonas Jugend lernt.

Kurz vor der Halbzeit kommt deutscher Schwung ins Spiel und als Boateng den Ball verteidigt, ruft’s: So spielt Charlottenburg! Im Tor spielt Gelsenkirchen und davor spielt Barcelona. Halbzeit.

Die Kids spielen ihr Halbzeitmatch mit genau den Torwarthandschuhen, die sie öfter mal als Riesentorwarthandschuhschatten ins Bild hinein gehalten hatten, so als wollten sie sagen, der Torwart ist unser wichtigster Mann.

In der 58. Minute springen die spanischen Ersatzspieler von der Ersatzbank und verschränken die hochgeworfenen Hände hinterm Kopf. Pedro hat geschossen und Neuer war in dieser Szene der wichtigste Mann.

In der 73. Minute kommt die erste lange Ecke auf Puyols Kopf, ein Neuer im Tor, der Ball auch.

Torres kommt für Villa, Gomez für Khedira. Super-Pedro, der junge Wilde, kommt noch mal vor Neuer. Es fällt kein weiteres Tor und die Partie ist nicht mehr gekippt, weil auch Casillas ein wichtiger Mann ist. Die jungen Wilden aus Deutschland verlieren. Spanien ist im Finale.

Ein Kamera-UFO senkt sich von oben aufs Spielfeld und liefert uns Bilder von jubelnden Spaniern, einem tröstenden Torres und einem Schweinsteiger am Boden. Iniesta tauscht das Schweinsteiger-Trikot mit dem seinen, Puyol und Lahm verschwinden im eigenen Trikot in die Kabine.

Das Huuuuuuuth-T-Shirt ist verschwunden, die beiden Damen aus Stuttgart und die meisten anderen auch. Günter Netzer hat sich verabschiedet, kommt zum kleinen Finale aber doch noch mal, und in kleiner Runde wird vorgeschlagen, dass die Mannschaft Weltmeister werden sollte, die die meisten Tore bei einer WM schießt. Aber eine solche Regeländerung wird sich bis Sonntag nicht mehr durchsetzen lassen.

Egal wer am Sonntag in Soccer City gewinnt, wir kriegen einen ganz neuen Weltmeister.

Dieser Text erscheint am 9. Juli 2010

Entführt von Maradona

Beitrag von Rigoletti am 04.07.2010 20:21:47

Das Viertelfinale Paraguay - Spanien steht unter dem Eindruck des 4:0 der deutschen Mannschaft gegen Argentinien. Während im Hintergrund schon wieder Hymne gesungen bzw. nicht gesungen wird und Torsten mutmaßt, dass am fehlenden Hymnentext der Spanier Franco schuld sei, gehen wir davon aus, dass Spanien der nächste Gegner der Deutschen sein wird. Und so kommt es ja auch. Die Höhepunkte des Hintergrundspiels sind ein nicht gegebenes Tor von Valdez, drei Elfmeter und Villas fünftes WM-Tor zum 0:1 Sieg der Spanier.

Der Höhepunkt im Vordergrund ist Susan aus Bautzen, die 1982 als 14jährige in Maradona verliebt war. Der war so süß, der Diego! Susan, die damals von ihrer Westverwandtschaft mit Hanuta-Bildchen versorgt worden war, schrieb an Friedrich Musalek, dem Vertrieb der Bildchen, und diesen Namen wird sie vergessen, einen Brief für Maradona. Sie wollte entführt werden. Maradona sollte kommen und sie aus der DDR rausholen. Und um ihm die Sache zu erleichtern, hat sie sogar spanisch gelernt. Aber Maradona ist nicht nur nicht gekommen, sondern hat auch nie geantwortet. Geantwortet hat Friedrich Musalek mit einem Riesenzeitungsausschnitt von Maradona bei Barca.

Dass Maradona nicht gekommen ist, war sein Schicksal, denn sein Leben wäre vollkommen anders verlaufen. Maradona könnte heute ganz regulär Trainer der argentinischen Mannschaft oder sogar Jogi Löw sein, davon ist Susan überzeugt. Und heute würde sie sich eher von Philipp Lahm entführen lassen oder von einem langhaarigen Argentinier. Von Demichelis? Nee, vom Torwart.

Dieser Text erscheint am 5. Juli 2010


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