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Artikel zum Thema "junge Welt Texten"


Die acht Hände einer ähm einer Krake

Beitrag von Rigoletti am 12.07.2010 10:05:41

Ich möchte mein Leben nicht in die Hände einer ähm einer Krake legen. So Kahn auf Frau Müller-Hohensteins Frage, ob Krakens Paul Vorhersagen ernst zu nehmen seien. Die Holländer hatten derweil Pauls Bruder Otto auf den Grill gelegt. Schmarrn sagte Kahn, nee Tintenfisch. Gott hab ihn selig. Wer ist Gott? Maradona.

Orakelkrake Paul hat wieder Recht behalten, sein Marktwert steigt. Er kriegt jetzt viele neue Jobs, die uns weitere wichtige Fragen beantworten werden wie: Wird Jogi Löw den Bundesverdienstorden annehmen?

Ein WM-Finale ist immer ein Spektakel. Schon vor dem Anpfiff ein Riesenbrimborium. Ein lächelnder Cannavaro brachte einen Koffer, einen fragwürdigen Koffer, wie Kahn urteilte, stellte diesen auf einem Podest ab, öffnete den Kofferdeckel und heraus flogen keine weißen Tauben, sondern, was wir in diesem Moment schon ahnten, aus dem Pokalkoffer kam der Kofferpokal aus 18karätigem Gold. Der Pokal wurde zu einem weiteren Podest getragen, von wo sich Cannavaro vom Pokal mit Abschiedskuss trennte. Dann Alarm, ein Zuschauer rannte auf den Pokal zu. Doch ehe der Pokal zusammen mit dem Mann hätte verschwinden können, wurde der Pokal wieder verpackt, Koffer und Zuschauer wurden hinausgetragen und getrennt von einander im Innern der Soccercity aufbewahrt.

Zweieinhalb Stunden später tauchte der Pokal wieder auf. Er stand wieder auf einem Podest neben einer Reihe Prominenter aus Königlichen, Politischen, Sportlichen und Offiziellen.

Das Ottokrakenopfer hatte Holland nicht geholfen. Sechs Spiele sechs Siege verloren gegen die, die gegen die Schweiz verloren haben. Oder wie Maradona sagen würde, wir haben gegen die verloren, die die besiegt haben, die gegen Holland gewonnen haben. Genau. Ergebnisfußball verlor gegen Erlebnisfußball. Das adrette Prinzenpaar gegen die galante Königin. Nike gegen Adidas. Und kein Holländer, der am Schluss noch auf der Ersatzbank saß, hat eine gelbe Karte bekommen.

Béla Réthy hatte die gelben Karten gezählt, versetzungsgefährdende Halbzeitzeugnisse ausgestellt, einen Zermürbungskampf gesehen und die Verlängerung gerochen. In dieser Verlängerung schoss Iniesta das Befreiungstor. Kurz nach der achten gelben Karte für Holland wegen Fouls an Iniesta, immer wieder Iniesta, der mittlere Läufer der Spanier.

Die Spanier siegten verdient und die Holländer verloren schlecht. Sie redeten auf den Schiedsrichter ein, als könnte eine WM umentschieden werden.

Der Pokal musste noch auf seinem Podest stehen bleiben, bis die Medaillen um die Hälse der Schiedsrichter, der Holländer und Spanier gehängt worden waren. Dann war es soweit, Casillas durfte den Pokal nach alter Tradition hochhalten und an seine Mitspieler weiterreichen. Die Party begann, Spanien ist zum ersten Mal Weltmeister geworden und der Pokal verschwand wieder auf dem Platz zwischen den Pressefotografen. Die Fernsehkameras zeigten uns einen Haufen Fotokameras, die sich gegenseitig abfotografierten. Sie zeigten uns aber auch einen Puyol mit Katalanenflagge. Einheit und Frieden für Spanien.

Dieser Text erscheint am 13. Juli 2010

Vor dem Spiel ist nicht nach dem Spiel

Beitrag von Rigoletti am 08.07.2010 11:17:24

Schreib ich für Spanien und bin ich für Deutschland, kann ich nur gewinnen. Vor mir sitzt ein Huth-T-Shirt. Huuuuuuuth in zweimal schwarz, zweimal rot, zweimal gelb mit 42 Us. Was macht eigentlich Robert Huth?

Wir erfahren, dass Günter Netzer gerade zum letzten Mal ein Spiel der Deutschen anmoderiert und wir sehen den Ausschnitt eines Fußballspiels mit Netzer gegen Del Bosque. Gleich spielt Löw gegen Del Bosque. Und Löw spielt nach dem Achtelfinale um den Einzug ins achte Finale. Ob Huth Huth Huth dabei helfen könnte?

Zu Beginn des Spiels herrscht noch Unruhe, da werden SMSe verschickt, Zeugnisse besprochen, Grillfleisch verspeist und in Durban rennt ein Zuschauer auf den Platz. In der 8. Minute krieg ich Besuch von zwei mir gut bekannten Damen aus Stuttgart, denen ich berichte, dass Villa gerade aufs deutsche Tor geschossen hat, aber dort stünde ja ein Neuer. Ich behaupte auch, dass die Spanier besser spielen als die Deutschen und der Kommentator bestärkt mich, die Spanier seien gewohnt, das Mittelfeld zu beherrschen. Also beherrschen sie es auch.

Immer wieder fällt das Wort Picke, gemeint sind der Abwehrspieler Gerard Piqué, die Schusstechnik der mit der Pike geschossenen, und das, was man von der Pike auf in Barcelonas Jugend lernt.

Kurz vor der Halbzeit kommt deutscher Schwung ins Spiel und als Boateng den Ball verteidigt, ruft’s: So spielt Charlottenburg! Im Tor spielt Gelsenkirchen und davor spielt Barcelona. Halbzeit.

Die Kids spielen ihr Halbzeitmatch mit genau den Torwarthandschuhen, die sie öfter mal als Riesentorwarthandschuhschatten ins Bild hinein gehalten hatten, so als wollten sie sagen, der Torwart ist unser wichtigster Mann.

In der 58. Minute springen die spanischen Ersatzspieler von der Ersatzbank und verschränken die hochgeworfenen Hände hinterm Kopf. Pedro hat geschossen und Neuer war in dieser Szene der wichtigste Mann.

In der 73. Minute kommt die erste lange Ecke auf Puyols Kopf, ein Neuer im Tor, der Ball auch.

Torres kommt für Villa, Gomez für Khedira. Super-Pedro, der junge Wilde, kommt noch mal vor Neuer. Es fällt kein weiteres Tor und die Partie ist nicht mehr gekippt, weil auch Casillas ein wichtiger Mann ist. Die jungen Wilden aus Deutschland verlieren. Spanien ist im Finale.

Ein Kamera-UFO senkt sich von oben aufs Spielfeld und liefert uns Bilder von jubelnden Spaniern, einem tröstenden Torres und einem Schweinsteiger am Boden. Iniesta tauscht das Schweinsteiger-Trikot mit dem seinen, Puyol und Lahm verschwinden im eigenen Trikot in die Kabine.

Das Huuuuuuuth-T-Shirt ist verschwunden, die beiden Damen aus Stuttgart und die meisten anderen auch. Günter Netzer hat sich verabschiedet, kommt zum kleinen Finale aber doch noch mal, und in kleiner Runde wird vorgeschlagen, dass die Mannschaft Weltmeister werden sollte, die die meisten Tore bei einer WM schießt. Aber eine solche Regeländerung wird sich bis Sonntag nicht mehr durchsetzen lassen.

Egal wer am Sonntag in Soccer City gewinnt, wir kriegen einen ganz neuen Weltmeister.

Dieser Text erscheint am 9. Juli 2010

Entführt von Maradona

Beitrag von Rigoletti am 04.07.2010 20:21:47

Das Viertelfinale Paraguay - Spanien steht unter dem Eindruck des 4:0 der deutschen Mannschaft gegen Argentinien. Während im Hintergrund schon wieder Hymne gesungen bzw. nicht gesungen wird und Torsten mutmaßt, dass am fehlenden Hymnentext der Spanier Franco schuld sei, gehen wir davon aus, dass Spanien der nächste Gegner der Deutschen sein wird. Und so kommt es ja auch. Die Höhepunkte des Hintergrundspiels sind ein nicht gegebenes Tor von Valdez, drei Elfmeter und Villas fünftes WM-Tor zum 0:1 Sieg der Spanier.

Der Höhepunkt im Vordergrund ist Susan aus Bautzen, die 1982 als 14jährige in Maradona verliebt war. Der war so süß, der Diego! Susan, die damals von ihrer Westverwandtschaft mit Hanuta-Bildchen versorgt worden war, schrieb an Friedrich Musalek, dem Vertrieb der Bildchen, und diesen Namen wird sie vergessen, einen Brief für Maradona. Sie wollte entführt werden. Maradona sollte kommen und sie aus der DDR rausholen. Und um ihm die Sache zu erleichtern, hat sie sogar spanisch gelernt. Aber Maradona ist nicht nur nicht gekommen, sondern hat auch nie geantwortet. Geantwortet hat Friedrich Musalek mit einem Riesenzeitungsausschnitt von Maradona bei Barca.

Dass Maradona nicht gekommen ist, war sein Schicksal, denn sein Leben wäre vollkommen anders verlaufen. Maradona könnte heute ganz regulär Trainer der argentinischen Mannschaft oder sogar Jogi Löw sein, davon ist Susan überzeugt. Und heute würde sie sich eher von Philipp Lahm entführen lassen oder von einem langhaarigen Argentinier. Von Demichelis? Nee, vom Torwart.

Dieser Text erscheint am 5. Juli 2010

Alarm in Herzogenaurach

Beitrag von Rigoletti am 30.06.2010 10:55:28

Es spielt Spanien gegen Portugal oder Ballzirkulation gegen Abwehrkunst oder der Glanz von Wien gegen den kleinen Nachbarn, Villa gegen Ronaldo, Glanz gegen Gloria oder einfach nur Adidas gegen Nike.

Adidas spielt gut und schießt sich als Jabulani mit sich selbst an Villas Fuß aufs portugiesische Tor. Die Bandenwerbung einmal ringsum erscheint in schwarz mit weißen Streifen und weißem Schriftzug, lediglich unterbrochen durch die Worte Cape und Town. Adidas Adidas Adidas. Gelegentlich frohlockt auch VISA VISA VISA von der Bande und anschließend Fly Emirates Fly Emirates Fly Emirates.

Aber wo ist Nike? Ich kann mich nicht erinnern, das Bögelchen im südafrikanischen Stadionrund gesehen zu haben. Dafür haben wir Nike schon vor dem Anpfiff gesehen im längsten Werbespot der Welt. Die Ronaldo-Vorschau mit dem Wunderschuss, der aber im echten Leben in Casillas Armen landet oder an jenem abtropft.

In der 63. Minute geht ein Aufschrei durch die Adidasstadt. Alarm in Herzogenaurach als im Gerangel Llorentes Trikot reißt. Materialermüdung? Llorente wurde doch gerade erst eingewechselt. Die Spanier tragen vier verschiedene Trikotvarianten, eng oder weit als Kurz- oder Langarm. Villa schießt im weiten Kurzarmtrikot das Siegtor. Zerrissen ist das enge Langarmhemd, was den Trikotwechsel ein wenig verlängert, weil sich beim Ausziehen auch der Ärmel verlängert. Das Spiel muss nicht in die Verlängerung. Spanien gewinnt. Adidas ist weiter, Nike auch, aber nur an der Brust der Holländer und Brasilianer.

erscheint am 1. Juli 2010

Englands zweite Chance aufs Finale

Beitrag von Rigoletti am 29.06.2010 10:08:03

Achtelfinale Brasilien - Chile

Die Zeremonie vorm WM-Spiel in Südafrika. Der Jabulani-Ball liegt auf einem Podest, aufgespannte Banner, die Flaggen der Nationalmannschaften und die FIFA-Flagge, der Bruder einer quadratischen Nivea-Dose, werden oben drüber getragen und anschließend auf dem Spielfeld drapiert. Teil zwei des Festzugs bilden die Spieler an der Hand von Kindern, die rechts und links am Ballpodest vorbei ziehen, am Ende kommt durch die Mitte die Reihe der Schiedsrichter. Der Chef, man erkennt ihn an der Pfeife, erledigt den Höhepunkt dieser Feierlichkeit und holt den Ball von seinem Thron. Kein anderer macht das mit der gleichen Würde wie Howard Webb aus England.

Der Rest ist klar, Hymnen singen, Mannschaftsfoto, Münzgewerfe, Wimpeltausch, Handgeschüttel, Getrabe und Gespringe, Fußballerkreis, Anpfiff, Tor.

Im Falle dieses Achtelfinales sind es drei Tore, die Webb für Brasilien pfeift. Seine Pfiffe sind stakkatoartig und streng, seine Gebärdensprache eindeutig. Ob er sich ruckartig am Hemd zieht (unerlaubtes am Trikot ziehen) oder sein Arm in höchster Anspannung auf den Mittelpunkt weist (Anstoß Chile), hier kommen keine Zweifel auf. Auch sein Hüpfer, um dem Ball kein Hindernis zu sein, hat Format.

Als er abpfeift, sagt der Kommentator: Die Brasilianer werden wir noch sehen im Turnier, die Chilenen nicht mehr. Dann sehen wir sie doch noch mal, sie sind enttäuscht, aber protestiert oder geweint wird nicht.

Howard Webb hat eine klare Partie klar geleitet und mit ihm hat England noch Chancen aufs Finale.

Dieser Text erscheint am 30. Juni 2010


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