Wovon sollen wir träumen
Völkerball im Strafraum – Nach der Scham kommt die Wut
Australien gegen Äquatorialguinea. Die Matildas spielten gegen die afrikanische Unbekannte. Plauderte die Kommentatorin. Der Matilda-Trainer sei ein Frauenversteher und werde von seinen Spielerinnen gemocht. Er habe seine Mannschaft um frühe Ballannahme gebeten, viel Ballbesitz und kluge Bälle in die Spitze. Um ein frühes Tor hatte er nicht gebeten, aber nach einem klugen Ball in die Spitze und einem gewaltigen Torfraufehler fiel es. 1:0 für Australien.
Die Fehler dominierten ohnehin schon das Spiel, als der Ball vom äquatorialguinesischen Torpfosten abprallte und von einer Abwehrspielerin aufgefangen wurde. Und dann? Kein Elfmeter sondern Abstoß. Das war ein Schock. Welcher Fehler war der gröbere, den Ball auf dem Spielfeld aufzufangen (ja, sind wir denn beim Völkerball?) oder dieses Auffangen nicht als Handspiel zu erkennen? Ich schämte mich sehr.
Liebe Fußballspielerinnen, liebe Schiedsrichterinnen, liebe Fußballfreundinnen, wollen wir nicht alle jetzt, wo doch gerade zufällig Frauen-Fußball-WM im eigenen Land ist, gemeinsam mit Steffi Jones die fortschreitende Professionalisierung des Frauenfußballs erkennen können? Aber mit Völkerball im Strafraum wird das nichts! Ich wurde wütend. Auf die Spielerin, die Schiri-in und die Schmähschriften, die über dem Frauenfußball niedergehen werden. Und schlagartig war klar, welcher Ausschnitt der Frauen-WM 2011 die meisten YouTube-Klicks bekommen wird.
Das ganze Frauenfußballfest erschien so banal wie der ZDF-Titelsong Wovon sollen wir träumen – so wie wir sind, so wie wir sind. Ja, wie sind wir denn? Und wo überhaupt? Und wovon sollen wir träumen? Dass der Fußballrasen eine Blumenwiese ist, wo wir uns beim Kicken gegenseitig Blumenkränze ins Haar flechten?
Ich schaltete um und landete beim SWR in der wilden Heimat. Die Heuschrecke setzt auf ihre Sprungkraft, um dem Feind zu entkommen. Erfahre ich. Und: die Wiese ist vom Menschen gemachte Natur. Sie wird gemäht und das frische Grün beginnt wieder zu wachsen. Ein Zyklus.
Apropos. Ich gehe noch weiter weg vom Fußball und komme zu den eigentlichen Frauen-Themen. Der Zyklus. Menstruieren die Frauen einer Mannschaft eigentlich alle gleichzeitig? Frauen, die viel Zeit miteinander verbringen, gleichen ihren Monats-Zyklus nämlich aneinander an. Und welche Spielerin hat Hormon-Priorität? Die dominanteste Spielerin vielleicht, wie zum Beispiel Marta, die mit ihrem schwarzen Flatterzopf über den Platz irrwischt und unwirsch ihre Mitspielerinnen dirigiert? Aber die drei Wochen Vorbereitungszeit, die die Brasilianerinnen vor der WM hatten, reichten sicher nicht aus, um die Spielerinnen hormonell zu takten.
Brasilien – Norwegen. Marta und ihr Mitspielerinnen, die wahrscheinlich nicht gleichzeitig menstruieren, waren immer schneller als die plump gespielten norwegischen Pässe, konnten diese direkt in Empfang nehmen und zum Beispiel ins Tor schießen. Die Norwegerinnen setzten auf den Rückpass, wohl aus Angst, die Zweikämpfe im Mittelfeld zu verlieren. Die Brasilianerinnen gewannen aber alle Laufduelle. Brasilianerin gegen Norwegerin und Brasilianerin gegen Rückpass. Die Brasilianerinnen konnten Bälle annehmen und abspielen. Ein wenig hat mich das versöhnt. Das 1:0 durch Marta war zwar wieder ein Fehler, denn Marta setzte sich mit Strümerinnenfoul durch, ohne Pfiff und ohne Freistoß. Aber die beiden anderen Tore für Brasilien gingen in Ordnung. 3:0 für Brasilien. Das andere Spiel Australien gegen Äquatorialguinea endete übrigens 3:2 für Australien.
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