Besuch bei Tante Käthe
Freitag, letzter Gruppenspieltag bei Tante Käthe mit Müller-Hohenstein und Kahn auf der Leinwand im Biergarten mit Stadionwurstgrill und Party. Spanier, Chilenen, Honduraner, Schweizer und Deutsche sind gekommen. Mir gegenüber sitzt ein 4jähriger Chilene im Schweizer-T-Shirt und brüllt Espana, Espana.
Liebe Frau Müller-Hohenstein, säßen Sie jetzt an meiner Statt hier auf der Bierbank, dann könnten Sie Ein Schmelztiegel der Kulturen sagen. Sie aber stehen weit weg am Moderatorenpult neben Oli. Katrin und Oli stehen heute frei, gestern mussten sich alle beide mit beiden Händen auf dem Pult abstützen als könnten die eigenen Beine sie nicht mehr tragen. Was hatten sie bloß gemacht? Und was uns die beiden heute sagen wollen, können wir nicht verstehen, da die laut sprechenden Tante-Käthe-Besucher die Lautsprecher übertönen. Die anwesenden Schweizer verhalten sich neutral.
Vom Schweiz–Honduras-Spiel sehen wir nur einen sich bekreuzigenden Ottmar Hitzfeld. Was hat das zu bedeuten? Wir erfahren es nicht, denn auf der Leinwand laufen sich Spanier und Chilenen warm. Hymne. Die Leinwand-Chilenen singen alle mit, die Leinwand-Spanier beschäftigen sich nicht mit der Frage Mitsingen oder nicht Mitsingen sondern mit der nach der geeigneten Gesichtsart. Ramos wählt den Blick zum Himmel.
In der 10. Minute springen die Tante-Käthe-Chilenen von ihren Bänken, OOUUUH und als Lothar Matthäus auf der Leinwand zu sehen ist, wird gelacht. Casillas trägt einen Schal und brüllt in der 13. Minute seine Abwehr an. Bis zur 25. Minute bleibt’s beim 0:0, dann schießt Villa aus großer Distanz ins Tor. 0:1 für Spanien.
In der 37. Minute sieht Béla Réthy die rote Karte, die dann wieder verschwindet und kurz drauf vorm Gesicht des Chilenen Estrada wieder auftaucht. Und während dieser Verwirrung ist auch noch ein Tor gefallen. 0:2 für Spanien. Béla Réthy spricht sechs Sprachen, auch die Fußballersprache hat er erlernt, aber richtig verstanden hat er sie nicht.
In der Halbzeit wechselt Ballack zu Leverkusen und Frau heute-Journal-Slomka wird der Ton abgedreht und durch Manu Chau ersetzt.
Wiederanpfiff. Die Tante-Käthe-Spanier und –Chilenen nehmen das Fußball-Spiel begeistert mit und handeln parallel noch alle anstehenden privaten Dinge miteinander ab. Es wird gesungen und getanzt wird nicht, zu voll bei Tante Käthe. Als Chile das 1:2 schießt, springen noch viel mehr Leute auf als bei den vorherigen Toren. Die Chilenen wünschen sich Tore, sonst müssen sie schon im Achtelfinale gegen die Brasilianer spielen.
Aber genau so kommt es. Spanien und Chile stehen im Achtelfinale gegen Portugal und Brasilien, für die Schweizer und Honduraner ist die WM vorbei. Und die Schweizer und Honduraner hier müssen jetzt auch noch die Schmach aushalten, dass ihre National-Flaggen in Tante Käthes Galerie der Schande gehisst werden. Zu Moricone-Musik.
Noch immer brutzeln die Stadionwürste, echte grobe Bratwurst, das Bier fließt, die Sonne scheint bei Tag und Nacht und die eviva espana Party geht weiter.
dieser Text erscheint am 28. Juni 2010

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