Die acht Hände einer ähm einer Krake
Ich möchte mein Leben nicht in die Hände einer ähm einer Krake legen. So Kahn auf Frau Müller-Hohensteins Frage, ob Krakens Paul Vorhersagen ernst zu nehmen seien. Die Holländer hatten derweil Pauls Bruder Otto auf den Grill gelegt. Schmarrn sagte Kahn, nee Tintenfisch. Gott hab ihn selig. Wer ist Gott? Maradona.
Orakelkrake Paul hat wieder Recht behalten, sein Marktwert steigt. Er kriegt jetzt viele neue Jobs, die uns weitere wichtige Fragen beantworten werden wie: Wird Jogi Löw den Bundesverdienstorden annehmen?
Ein WM-Finale ist immer ein Spektakel. Schon vor dem Anpfiff ein Riesenbrimborium. Ein lächelnder Cannavaro brachte einen Koffer, einen fragwürdigen Koffer, wie Kahn urteilte, stellte diesen auf einem Podest ab, öffnete den Kofferdeckel und heraus flogen keine weißen Tauben, sondern, was wir in diesem Moment schon ahnten, aus dem Pokalkoffer kam der Kofferpokal aus 18karätigem Gold. Der Pokal wurde zu einem weiteren Podest getragen, von wo sich Cannavaro vom Pokal mit Abschiedskuss trennte. Dann Alarm, ein Zuschauer rannte auf den Pokal zu. Doch ehe der Pokal zusammen mit dem Mann hätte verschwinden können, wurde der Pokal wieder verpackt, Koffer und Zuschauer wurden hinausgetragen und getrennt von einander im Innern der Soccercity aufbewahrt.
Zweieinhalb Stunden später tauchte der Pokal wieder auf. Er stand wieder auf einem Podest neben einer Reihe Prominenter aus Königlichen, Politischen, Sportlichen und Offiziellen.
Das Ottokrakenopfer hatte Holland nicht geholfen. Sechs Spiele sechs Siege verloren gegen die, die gegen die Schweiz verloren haben. Oder wie Maradona sagen würde, wir haben gegen die verloren, die die besiegt haben, die gegen Holland gewonnen haben. Genau. Ergebnisfußball verlor gegen Erlebnisfußball. Das adrette Prinzenpaar gegen die galante Königin. Nike gegen Adidas. Und kein Holländer, der am Schluss noch auf der Ersatzbank saß, hat eine gelbe Karte bekommen.
Béla Réthy hatte die gelben Karten gezählt, versetzungsgefährdende Halbzeitzeugnisse ausgestellt, einen Zermürbungskampf gesehen und die Verlängerung gerochen. In dieser Verlängerung schoss Iniesta das Befreiungstor. Kurz nach der achten gelben Karte für Holland wegen Fouls an Iniesta, immer wieder Iniesta, der mittlere Läufer der Spanier.
Die Spanier siegten verdient und die Holländer verloren schlecht. Sie redeten auf den Schiedsrichter ein, als könnte eine WM umentschieden werden.
Der Pokal musste noch auf seinem Podest stehen bleiben, bis die Medaillen um die Hälse der Schiedsrichter, der Holländer und Spanier gehängt worden waren. Dann war es soweit, Casillas durfte den Pokal nach alter Tradition hochhalten und an seine Mitspieler weiterreichen. Die Party begann, Spanien ist zum ersten Mal Weltmeister geworden und der Pokal verschwand wieder auf dem Platz zwischen den Pressefotografen. Die Fernsehkameras zeigten uns einen Haufen Fotokameras, die sich gegenseitig abfotografierten. Sie zeigten uns aber auch einen Puyol mit Katalanenflagge. Einheit und Frieden für Spanien.
Dieser Text erscheint am 13. Juli 2010

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