Spaniens Schweizer Uhrwerk
Der Siegeswille ist den Chilenen schon beim Singen der Hymne von den Lippen abzulesen. 1 Meter 77 große Chilenen spielen gegen 29jährige Honduraner und dazu tragen sie weiße Söckchen über den Stutzen.
Ich befinde mich im WM-Quartier der 11 Freunde und habe mir am Eingang von der Security in die Tasche sehen lassen müssen. Das prangere ich an! Das Vuvuzela-Verbot nicht.
Die Arena ist leer, weil die anderen Fußballfans noch ihre Fähnchen spazieren fahren müssen.
Auf der Brust der Honduraner prangt über der Nummer ein Honduras-Fußball-Logo, das aus der Ferne aussieht wie ein U. Da steht U 20 und U 17. Jugendspieler denk ich, erst bei der U 2 bin ich stutzig geworden.
Während mein Gesprächspartner von den früheren Erfolgen des SV Viktoria Aschaffenburg berichtet, fällt das 0:1 für Chile, die die beste Mannschaft seit 62 haben, kolportiert der Kommentator, und dass die Chilenen Weltmeister werden wollen. Aber die Spanier? Die Europameister wollen doch auch Weltmeister werden!
Der Mann von der Security steht mit dem Rücken zur Leinwand, so kann er uns besser beschützen. Die Arme trägt er locker hängend als Schmuck.
Langsam füllt sich die Arena und kaum hat der Schiedsrichter das erste Spiel abgepfiffen, versucht eine Horde spanischer Jugendlicher die Arena zu stürmen, bleibt aber erst mal im Einlassstau hängen. Dort müssen auch sie die Taschen öffnen bevor sie auf der Tribüne eine rot-gelbe Fankurve bilden dürfen. Jede mit spanischen Wimpeln behängte Person, die rüber zum Bierstand schlendert, wird mit Laola verabschiedet und mit Laola begrüßt. Olé!
Ab und an fällt von der Gegentribüne ein leises Hopp Schwiiz! Es kommt von einer Gruppe Schweizerinnen, die Männer sind noch auf der Arbeit.
Dann die Hymnen. Bisher hatte ich geglaubt, die spanische Hymne habe keinen Text, aber drüben aus der Fankurve kommen gut verständliche Lalalaa-Gesänge herüber.
Der Kommentator erinnert uns an die 12 Lena-Punkte aus Spanien und aus der Schweiz, er metaphert das spanische Spiel zum Schweizer Uhrwerk, schwärmt von der Vielsprachigkeit Senderosens und erwähnt mit keinem Wort, dass der englische Schiedsrichter Webb während der EM Morddrohungen aus Polen bekommen hatte.
Ramos küsst den Ball auf dass er sich in ein wunderschönes Tor verwandele. Halbzeit.
Zur Gruppe der Schweizerinnen haben sich nun auch die Männer gesellt, die Banken haben jetzt geschlossen. Und in der spanischen Fankurve herrscht Hochbetrieb. Der Mann von der Security trägt seine Arme eingehakt in die Gürtelschlaufen, die Hände lässig am Sack, er ist der Mann von der Sackurity.
52.Minute. Es kommt zur ersten Überraschung dieser WM. Ein Überraschungstor, es steht 0:1 für die Schweiz.
Hopp Schwiiz! Hopp Schwiiz! Espana, Espana, Espana!
70.Minute Latte. Es steht 0:1. 75.Minute Pfosten. Es steht 0:1.
Senderos kann nicht mehr vernünftig laufen. Läuft er jetzt unvernünftig? Wie sieht ein Vernunftslauf überhaupt aus?
Die fünf Minuten Nachspielzeit strapazieren das Schweizer Uhrwerk sehr. Hopp Schwiiz! Aus, aus, das Spiel ist aus!
Am 18. Juni 2010 in der jungen Welt.

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