Vor dem Spiel ist nicht nach dem Spiel
Schreib ich für Spanien und bin ich für Deutschland, kann ich nur gewinnen. Vor mir sitzt ein Huth-T-Shirt. Huuuuuuuth in zweimal schwarz, zweimal rot, zweimal gelb mit 42 Us. Was macht eigentlich Robert Huth?
Wir erfahren, dass Günter Netzer gerade zum letzten Mal ein Spiel der Deutschen anmoderiert und wir sehen den Ausschnitt eines Fußballspiels mit Netzer gegen Del Bosque. Gleich spielt Löw gegen Del Bosque. Und Löw spielt nach dem Achtelfinale um den Einzug ins achte Finale. Ob Huth Huth Huth dabei helfen könnte?
Zu Beginn des Spiels herrscht noch Unruhe, da werden SMSe verschickt, Zeugnisse besprochen, Grillfleisch verspeist und in Durban rennt ein Zuschauer auf den Platz. In der 8. Minute krieg ich Besuch von zwei mir gut bekannten Damen aus Stuttgart, denen ich berichte, dass Villa gerade aufs deutsche Tor geschossen hat, aber dort stünde ja ein Neuer. Ich behaupte auch, dass die Spanier besser spielen als die Deutschen und der Kommentator bestärkt mich, die Spanier seien gewohnt, das Mittelfeld zu beherrschen. Also beherrschen sie es auch.
Immer wieder fällt das Wort Picke, gemeint sind der Abwehrspieler Gerard Piqué, die Schusstechnik der mit der Pike geschossenen, und das, was man von der Pike auf in Barcelonas Jugend lernt.
Kurz vor der Halbzeit kommt deutscher Schwung ins Spiel und als Boateng den Ball verteidigt, ruft’s: So spielt Charlottenburg! Im Tor spielt Gelsenkirchen und davor spielt Barcelona. Halbzeit.
Die Kids spielen ihr Halbzeitmatch mit genau den Torwarthandschuhen, die sie öfter mal als Riesentorwarthandschuhschatten ins Bild hinein gehalten hatten, so als wollten sie sagen, der Torwart ist unser wichtigster Mann.
In der 58. Minute springen die spanischen Ersatzspieler von der Ersatzbank und verschränken die hochgeworfenen Hände hinterm Kopf. Pedro hat geschossen und Neuer war in dieser Szene der wichtigste Mann.
In der 73. Minute kommt die erste lange Ecke auf Puyols Kopf, ein Neuer im Tor, der Ball auch.
Torres kommt für Villa, Gomez für Khedira. Super-Pedro, der junge Wilde, kommt noch mal vor Neuer. Es fällt kein weiteres Tor und die Partie ist nicht mehr gekippt, weil auch Casillas ein wichtiger Mann ist. Die jungen Wilden aus Deutschland verlieren. Spanien ist im Finale.
Ein Kamera-UFO senkt sich von oben aufs Spielfeld und liefert uns Bilder von jubelnden Spaniern, einem tröstenden Torres und einem Schweinsteiger am Boden. Iniesta tauscht das Schweinsteiger-Trikot mit dem seinen, Puyol und Lahm verschwinden im eigenen Trikot in die Kabine.
Das Huuuuuuuth-T-Shirt ist verschwunden, die beiden Damen aus Stuttgart und die meisten anderen auch. Günter Netzer hat sich verabschiedet, kommt zum kleinen Finale aber doch noch mal, und in kleiner Runde wird vorgeschlagen, dass die Mannschaft Weltmeister werden sollte, die die meisten Tore bei einer WM schießt. Aber eine solche Regeländerung wird sich bis Sonntag nicht mehr durchsetzen lassen.
Egal wer am Sonntag in Soccer City gewinnt, wir kriegen einen ganz neuen Weltmeister.
Dieser Text erscheint am 9. Juli 2010

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