Wenns kracht nochn Meter
Montag. Der Start in den zweiten Spieltag der Gruppe H wird eingerahmt von Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn. Frau Müller-Hohenstein, die für starke Metaphern bekannt ist, kommentiert das soeben zu Ende gespielte 7:0 der Portugiesen mit einem Mein lieber Herr Gerichtsvollzieher. Wie wär’s mit Wenn’s kracht nochn Meter für ein ordentliches Foul oder Da erschallen die Posaunen des jüngsten Gerichts wenn der Schiedsrichter ein solches mit einer Karte bestraft? Ich hätte da einen Literaturtipp! Herr Peter Handke hat in seinem Sprechstück Weissagung alle Allegorien versammelt - ein unerschöpfliches Repertoire. Und der große Deutsche Handke ist ein großer Freund der Serben. Jetzt bin ich in die Gruppe D gerutscht. Entschuldigung
Die Chilenen und Schweizer haben sich zur Singreihe aufgestellt, davor steht eine Reihe kleiner Südafrikaner. Zehn kleine Jägermeister.
Ich sitze im Zelt des WM-Dorfs von Ars Vini im Prenzlauer Berg. Links von mir die Leinwand, rechts der Gehweg.
Nach zehn Spielminuten hat Benaglio schon einige flatternde Bälle gehalten. In der 20. Minute fällt der Strom aus. Der Ton ist zuerst wieder da und wir hören von Béla Réthy, dass irgendwers Bruder mal Außenminister war. Das wirft Fragen auf. War von einem Spieler die Rede? Jeder muss nun selbst erahnen, ob wohl der Bruder eines Chilenen oder eher der Bruder eines Schweizers mal Außenminister gewesen ist. Auch das eingeblendete Foto von Béla Réthy wirft Fragen auf. Hat er innerhalb der Redaktion eine Wette verloren?
In der 31. Minute gibt’s die rote Karte für den Schweizer 11er für einen Schlag auf den Zwölfer. Frau Müller-Hohenstein ist die einzige Person, die diese Karte in der Halbzeitbesprechung mit Da kann er ja Theater spielen bis Weihnachten ist verteidigt.
Bis zur 75. Minute hat Benaglio alle Bälle gehalten. Doch dann gewinnt Chile mit 1:0.
Orts- und Senderwechsel. Alois S, Jürgen Klopp und Günter Jauch. Dazu das Bier der Woche und Spanien gegen Honduras.
Wir erfreuen uns an den Trikot-Aufdrucken Guevara oder Welcome und am Honoratiorenschwäbisch eines Jürgen Klinsmann. Die Honduraner erfreuen sich eher nicht, denn schon in der 6. Minute trifft Villa die Latte und in der 17. Minute mitten hinein ins Tor.
Torres fasst sich nach zwei vergebenen Torchancen ins abgeschnittene Haar und ich frage mich, ob es innerhalb der Fußballstarwelt noch untätowierte Arme gibt. Zeigt her eure Arme! Ramos wischt sich mit seinem Handgelenktattoo die Stirn und Villas Tattoo ist gar nicht zu sehen. Er hat sich so tätowieren lassen, dass man es nicht sieht, so wie es Schminke gibt, die man nicht sieht. David Villa ist tätowiert und geschminkt. Die Spanier wollen ja schließlich schön Fußball spielen.
In der Halbzeitpause in Frankfurt zeigen uns Kloppo und Jauch ausrastende spanische Fans. Hier herinnen in der Tapas-Bar im Prenzlauer Berg gibt man sich zurückhaltend.
Wiederanpfiff. 51. Minute Villa 2:0. 52. Minute Ramos 2:0. 53. Minute Navas 2:0. 62. Minute Elfmeter 2:0. Dann kommt Fabregas 2:0. Und Schluss.
Dieser Text erscheint am 22. Juni 2010

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